Predigtarchiv

Hier finden Sie eine Auswahl gehaltener Predigten und Andachten.

„Blühende Landschaften?!“ –Predigt zu Jes. 35, 1+ 2b

Predigt zum Zweiten Advent, 09.12.2018

Pfarrer Ulf Rödiger, Pfarrbereich Groß Rosenburg

Predigttext: Jes. 35, 1 + 2b

 

Am zweiten Advent geht es in den Kirchen um eine große Verheißung die mit Kommen Gottes verbunden ist: Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien.  Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. …. Sie sehen die Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unsres Gottes.

Jes. 35, 1+ 2b 

Das mit den „blühenden Landschaften“ das hatten wir doch schon, oder?

Inzwischen ist es so lange her, dass ich mich kaum noch erinnern kann, womit dieses Schlagwort gefüllt war. Und doch hinterlässt es einen fahlen Nachgeschmack. Wer hätte gedacht, dass mit den blühenden Landschaften, die blühenden Unkräuter auf den leeren Gewerbegebieten gemeint sein könnten. Aber das ist die Gefahr aller Visionen von einer besseren Welt. Allzu schnell werden sie von der Wirklichkeit eingeholt und die Ent – Täuschung ist groß.

Haben wir uns deswegen angewöhnt, gegen alle Arten von Visionen resistent zu sein? Uns reißt so leicht nichts mehr aus dem Sessel. Ganz im Gegenteil die Unheilsbotschaften, die vermeintlich Wahren und die „Gefakten“ lassen uns nur noch tiefer in den Sessel sinken.

Ich kann mich Visionen gegenüber verschließen, kann auf meinen vermeintlich klaren Blick auf die Realität pochen, aber ich kann nicht verhindern, dass mein Herz sich dennoch nach innerem Frieden, nach Wärme und Licht, nach Liebe und Leben sehnt.

Es ist das ferne Echo, des Paradiesgartens, einer Zeit in der Welt und Menschen noch unverdorben waren. In der Advents- und Weihnachtszeit gestatten wir es uns, etwas von dieser Sehnsucht nach oben kommen zu lassen. Zumindest da, wo es uns gelingt im Kreis der Freunde und Familie friedlich beieinander zu sein. Es braucht ja nicht viele Worte, braucht oft nur eines kurzen Blickes, eines Händedruckes, einer Umarmung, und schon ist klar, uns erfüllt die gleiche Sehnsucht.

Findet diese Sehnsucht nach Frieden und Wärme, nach Licht und Leben und Heil in Jesus Christus ihre Erfüllung?

Sehen wir auf die Welt, die uns umgibt, dann müssen wir eingestehen, dass die Vision des Jesaja von einer Welt in der Gott alles schwache und friedlose, alles stumme und taube, alles irrende und alles Unheil stiftende weggenommen hat, hat sich noch nicht erfüllt. Darum fällt es vielen Menschen ja so schwer in Jesus Christus den zu sehen, der unsere Sehnsucht nach Frieden und Leben wirklich zu erfüllen vermag.  Die Vision der Jesaja verheißt nicht weniger als die Rückkehr ins Paradies, wenn Gott kommt.

Wenn wir dagegen die Menschwerdung Gottes feiern, dann bedeutet dies nicht weniger, als dass Gott uns zutraut unter den Bedingungen dieser Welt Heil und Leben zu finden. Das ist es, was Jesus Christus uns vorlebt. Wie man trotz der Welt wie sie ist, zu einem Leben findet, dass selbst im Tod noch heil voll und leben schaffend genannt werden kann. Die blühenden Landschaften kommen nicht über uns wie ein Deckel über den Topf. Sie wachsen, wo wir als Menschen beginnen unserer Sehnsucht nicht nur nachzuhängen, sondern aktiv etwas dafür zu tun, dass sie Erfüllung findet.

Ansprache zum 09.11.2018 - Pflanzung einer Kastanie auf dem Rosenburger Kirchplatz

Pflanzung einer Kastanie auf  dem Rosenburger Kirchplatz

Verweis auf Buch der Sprüche 3, 14 – 18

Pfarrer Ulf Rödiger, Pfarrbereich Groß Rosenburg

 

Liebe Rosenburger und Gäste

  • Vor 29 Jahren, wurde durch die Bürger unseres Landes, die Öffnung der bis dahin lebensbedrohlichen Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland und in dessen Folge der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik erstritten.
  • Vor 80 Jahren, haben Deutsche Bürger zugelassen, dass eine verbrecherische, antisemitische Regierung die jüdischen Gemeinden und Mitbürger massiv bedroht und in der Folge, entrechtet und schließlich massenhaft umbringt.
  • Vor 95 Jahren, ist es die demokratisch gewählte Reichsregierung, die verhindert, dass nationalistische Truppen um Adolf Hitler die Macht mit Gewalt an sich reißen, was auch deshalb gelingt, weil den Deutschen zu diesem Zeitpunkt die Demokratie noch etwas bedeutet.
  • Vor 100 Jahren schließlich wird diese parlamentarische Demokratie durch den Sozialdemokraten Philipp Scheidemann in Deutschland ausgerufen.
  • Und auch genannt sei schließlich der 170. Todestag des Demokraten Robert Blum. Erschossen durch ein Standgericht.

Ein wahrlich geschichtsträchtiges Datum für unser Land, das von Bürgermut, von der Liebe zur Demokratie und dem ganzen Einsatz für einen sozialen und demokratischen Staat erzählt, aber eben auch davon erzählt, was geschieht, wenn wir aufhören danach zu fragen, ob dass, was die mächtigen im Land anzetteln und durchsetzen noch mit Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Anstand und dem wohl aller Bürger vereinbar ist. Das schlimme an der dunklen Seite dieses Tages sind nicht die Taten derer die offen ihren Hass ausleben, sondern das Versagen der Bürgergemeinde gegenüber ihren Nachbarn, Freunden und Einwohnern ihrer Städte und Dörfer.

Ein Tag wie dieser stellt uns immer wieder vor die Frage woran wir unseren inneren Kompass ausrichten, um nicht nur im Privaten einen Weg zu gehen der uns und unseren Mitmenschen zum Guten gereicht.

Im biblischen Weisheitsbuch der Sprichwörter wird uns die Weisheit, die aus dem hören auf Gott – als der Quelle aller Weisheit- empfohlen. Dort heißt es:

  • Wohl dem Menschen, der Weisheit erlangt, und dem Menschen, der Einsicht gewinnt! 14 Denn es ist besser, sie zu erwerben, als Silber, und ihr Ertrag ist besser als Gold. 15 Sie ist edler als Perlen, und alles, was du wünschen magst, ist ihr nicht zu vergleichen. 16 Langes Leben ist in ihrer rechten Hand, in ihrer Linken ist Reichtum und Ehre. 17 Ihre Wege sind liebliche Wege, und alle ihre Steige sind Frieden. 18 Sie ist ein Baum des Lebens allen, die sie ergreifen, und glücklich sind, die sie festhalten.

Die Weisheit, die aus dem Hören auf Gott kommt, im Bild eines Baumes der das Leben verkörpert.

Ich finde das ein wunderbares Bild für einen Tag wie diesen.

Für mich als Christen, geht es darum immer wieder zu aller erst. Nicht aufzuhören, danach zu fragen was will Gott von meinem, aber viel mehr noch von unseren Leben.

Drei Anhaltspunkte im Bild vom diesem „Baum des Lebens.“

Das ist keine deutsche Eiche, sondern ein Baum, den es fast überall in Europa, ja in der Welt gibt. Wenn ich es recht sehe, ist sie keines Landes Baum, sondern einer der in vielen Ländern zu finden ist und so ein Stück Heimat in fremde Länder bringt. So wie Gott wollte, dass die Menschen sich in großer Verschiedenheit über die Erde ausbreiten und einander respektieren. Dazu gehört Gottes Weisung, den Fremden im eigenen Volk nicht zu bedrücken und Niemanden sein Lebensrecht abzusprechen.

Ihre Blätter erinnern an die Finger der Hand und ihre Blüten an weiße bzw. hier rote Kerzen. Es braucht tatkräftiger Hände und Herzen um Unrecht, Gewalt und Ausgrenzung entgegen zu stehen. Ein Lippenbekenntnis reicht nicht. Und etwas werden wir nie mehr vergessen. Es ist die Kraft der Kerzen als Zeichen des friedlichen Protestes gegen Diktatur und Beschneidung menschlicher Grundrechte u.a. dem Recht, sein Glück in einem anderen Land zu suchen.

Ihr Früchte sind wehrhaft und zugleich von großem Nutzen, vor allem für die Tiere und erinnern uns so daran dass wir nicht allein sind auf dieser Welt und es nicht darum geht, nur noch das anzupflanzen, was uns nutzt.

Wir haben lange überlegt, ob wir tatsächlich wieder eine Kastanie pflanzen lassen sollen, denn ihre Früchte verleiten die Kinder zuweilen zu Gefechten. Gleichzeitig waren in den Oktobertagen fast täglich Kinder mit ihren Eltern zu beobachten, die Kastanien zum Basteln und Gestalten aufsammelten.

So werden wir daran erinnert, wie etwas Wunderschönes zugleich als Waffe missbraucht werden kann, und daran, dass es auf uns ankommt unsere Kinder Frieden statt Krieg zu lehren.

Möge dieser Baum uns also an all das Gute erinnern wozu wir fähig sind und was wir weiter geben und lehren sollen. Möge er uns beständig daran erinnern, was geschieht, wenn man darauf vertraut, dass es einen selbst schon nicht treffen würde, während man doch zugleich mit anderen unter einem Dach lebt, die von spitzen und schmerzhaften Einschlägen getroffen werden.

Möge dieser Baum so groß werden wie sein Nachbar, um uns an die Kraft zu erinnern, die vom Hören und tun der Weisheit Gottes ausgeht.

AMEN

 

 

"Berufung, Zweifel, Glaube," - Predigt zu Jer. 49, 1-6

Predigt zum 17. So. nach Trinitatis, 23.09.2018

in Micheln und Rosenburg

Thema der Predigt: Berufung, Zweifel, Glaube,

Predigttext: Jer. 49, 1-6

 

Ein sogenanntes Lied eines Knechtes Gottes, mit dem sowohl ein einzelner Mensch gemeint sein kann, wie auch das Volk als Ganzes.

Hört mir zu, ihr Inseln, und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der HERR hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. 2 Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt. 3 Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will. 4 Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Doch mein Recht ist bei dem HERRN und mein Lohn bei meinem Gott. 5 Und nun spricht der HERR, der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht bereitet hat, dass ich Jakob zu ihm zurückbringen soll und Israel zu ihm gesammelt werde – und ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke –, 6 er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde.

 Liebe Gemeinde

Nur wer sich mit Leib und Seele eingesetzt hat, kennt die Macht des Zweifels.

Und

Der Zweifel findet seinen Meister, im Glauben an Gott.

Davon will ich ihnen gern erzählen:

Jesaja sitzt vor seiner Hütte am Rande von Babylon und fröstelt. Noch sind die Tage angenehm und warm, aber die Abende künden schon vom nahen Herbst und Winter. Dieser ist hier -soweit nördlich der alten Heimat- viel kälter, als er es gewohnt ist. Aber, das ist es nicht allein was ihn frösteln lässt. Jesaja fühlt sich im wahrsten Sinne des Wortes „ausgebrannt. “ Das Feuer für die Sache Gottes ist in ihm erloschen. „War alles vergeblich?“ immer, und immer wieder, muss er über diese Frage nachdenken. Sie lässt ihn nicht mehr in Ruhe, raubt ihn den Schlaf und seine Lebenskraft.

Dabei kann er sich nicht beklagen. Noch immer wird er von vielen Leuten hoch geachtet und als weiser Mann Gottes als Prophet geschätzt. Aber das hilft ihm nichts. Er weder den Niedergang des Glaubens, noch den Untergang seines Volkes verhindern können. Und auch wenn ihm sofort tausend Gründe einfallen, warum es so kommen musste. Auch wenn er weiß, das ganz andere Schuld am Untergang und an der Verbannung in die Fremde tragen, fühlt er in sich das Scheitern.

Mit einem tiefen Seufzer, wickelt er die Decke fester um sich und schaut der untergehenden Sonne nach. Für einen Moment sieht man, wie sich seine Züge entspannen und fast so etwas wie ein Lächeln zeigen. esaja denkt zurück an die Zeiten in denen er „seiner Sache“ so sicher war. Oder besser eben nicht „seiner Sache“, sondern „seiner Überzeugung“, von Gott an die richtige Stelle gesetzt worden zu sein. Der Moment in dem er fühlte: Das ist es, was meinem Wesen, meiner Sehnsucht, meinem Streben entspricht. Hatte Gott ihn nicht mit der Gabe gesegnet, gut reden zu können. Hatte er nicht immer wieder erlebt, dass sie ihm zuhörten, beeindruckt waren, von der Klarheit und Konsequenz, mit der er redete und handelte. Sein Beruf war ihm Berufung. Er hatte sich nie geschont, wenn es darum ging die gestellte Aufgabe zu erfüllen. In seinem Fall dem Volk immer wieder Gottes Wort auszurichten. Er liebte diese Art zu leben und viele seiner Freunde lebten in ihren Berufungen ganz ähnlich. Sie gingen auf in dem was ihre Berufung war, ganz egal, ob sie nun Beamte, Handwerker, oder auch nur einfache Leute waren.

Er hatte auch erlebt, wie schwer es manchen von seinen Freunden fiel sich in ihren Berufungen nicht aufzureiben. Wie sie sich selber ganz und gar vergaßen und Getriebene wurden. Getrieben vom Gefühl, nur in der Erfüllung ihrer Aufgabe zu existieren. Aber sie waren ihm doch allemal lieber, als die Lauen und Halbherzigen, denen nichts wirklich ans Herz ging; und die, wenn es „verbindlich“ wurde, auswichen, sich davon machten, oder deutlich zeigten, dass ihr Herz ganz woanders schlug. Doch nun saß er vor seiner Hütte und alles war ins Wanken gekommen. Es war nichts Großes, was seinen Zweifel, den er so lange beherrscht hatte, an die Oberfläche treten ließ. Eine kleine Bemerkung seiner Frau, kaum der Rede wert. Wahrscheinlich meinte sie es sogar gut, wollte ihn schützen, als sie von „unnütz, verzehrter Kraft“ sprach. Seit diesem Moment aber spürte er immer öfter das Misstrauen in sich hochsteigen. Das Misstrauen gegenüber allem, was er bisher zweifelsohne geleistet und erreicht hatte. Das war wahrlich nicht wenig und einiges war sogar von bleibender Gestalt. Für alle sichtbar und ihn mit Sicherheit überdauernd.

Während Jesaja ins Haus gegangen war um sich einen Becher warmer Ziegenmilch mit Honig zu holen, spürte er immer deutlicher, wie schwer es ihm selber fiel, sein Selbstbewusstsein nicht an seine Berufung zu hängen, nicht an seine Erfolge, nicht an seine Achtung durch die Menschen. Während er die Milch trank, spürte er noch einmal seiner Überzeugung nach von Gott an den echten Platz gestellt zu sein. Daran zweifelte er nicht.

Doch dann hörte er in seinem Inneren noch etwas anderes: Er hörte sich sprechen: ….ich bin vor dem HERRN wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke. Das zweite ging ihm leicht von den Lippen, hatte er es doch schon oft in den Psalmen gelesen und gebetet. Aber das Erste:  „…ich bin vor dem HERRN wert geachtet“ noch einmal murmelte er diese Wort vor sich hin. Was ihm diese Erkenntnis bedeuten würde, konnte er noch schwer in Worte fassen. Ob sie ihm wirklich helfen würde, sich selbst zu lieben, ohne Blick auf seine Erfolge, seine Achtung bei den Menschen, ja sogar ohne seine Berufung, konnte er nur schwer ergründen. Nur eines spürte er deutlich, „…ich bin vor dem HERRN wert geachtet“ dieser Satz tat ihm gut, wärmte ihm das Herz, weit mehr als es die Milch tat.

Die Zweifel blieben, aber ein Lächeln wie aus fernen Himmeln, hatte sich auf seinem Gesicht niedergelassen, während er ins Haus ging und Tür hinter sich schloss.

AMEN